PT02 Gewinner                                                                                          10/2019

Bergfilm Tegernsee, 17. Internationales Festival vom 16. – 20. Oktober 2019 

Das Drama des Erfolgs

Sieger ergeben sich erst im Vergleich. Wenn das Niveau so hoch ist wie in diesem Jahr beim Bergfilm-Festival in Tegernsee, muss die Jury in die Tiefe gehen, bevor sie urteilt. Interessant ist, was dabei an die Oberfläche kommt.   
„Es muss nicht alles perfekt sein, aber alles muss stimmen.“ So könnte man die Suche von Linda Cottino (Italien), Lisa Röösli (Schweiz), Dagmar Steigenberger (Deutschland), Lisa Stolze (Österreich) und Alexander Donev (Bulgarien) nach den besten Filmen umschreiben. Denn dann funktioniert ein Film: Spannende Bilder, die hängen bleiben, die nachwirken und vielleicht sogar erst später ihre Aussage ganz offenbaren. Das ist wohl eher nicht der Fall, wenn Leute nur über sich selbst und ihre Leistung sprechen. Interessant wird es erst, wenn es ein Filmemacher schafft, „auch im Erfolg das Drama zu erkennen“, erklärt die Jury. 

„The Pathan-Project“ ausgezeichnet – „Free solo“ begeistert außer Konkurrenz
Vorbildhaft gelungen sei dies im oscargekrönten Kletterfilm „Free solo“, der in Tegernsee außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde. Kletterer Alex Honnold ist in der Felswand grandios. Aber im Leben, im Alltag? Da gibt es die von der Jury angesprochene „Dimension des Scheiterns“, und das macht es packend. Dieses mögliche Scheitern fasziniert auch bei „The Pathan Project“ (Guillaume Broust, Belgien, DAV-Preis für Erlebnisraum Berg). Ein Expeditionsfilm, der aus dem Rahmen fällt. Unfälle und Rückschläge sind dramatisch, die Leistungen am Fels herausragend, aber das findet sich auch in anderen Filmen. Das Besondere ist eher der selbstironische Blick aller Protagonisten, der in dieser Situation extrem gut tut – und die Ausgewogenheit all dieser Komponenten.   

Magie und starke Frauen
Die „Magie der Berge“ („This Mountain Life“) verzaubert mit eindrücklichen, sorgfältig komponierten Bildern. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, Mutter und Tochter, die zusammen auf Skiern von Vancouver nach Alaska wandern. Den „Großen Preis der Stadt Tegernsee“ hat sich Filmemacher Grant Baldwin (Kanada) aber vor allem verdient, weil es ihm gelingt, den Fokus zu erweitern und der Frage nachzugehen, was Menschen in der Bergwelt suchen und was sie – zumindest teilweise – dort auch finden.
Um starke Frauen geht es auch in der australischen Dokumentation „Spirit“ (Jane Dyson und Ross Harrison, Preis in der Kategorie Lebensraum Berg): Eine Welt die auseinanderbricht, hoch oben in einem Dorf in den Bergen des Himalaya. Zu hoch, um schon richtig in der Moderne angekommen zu sein, aber doch zu niedrig, um noch ganz bei den Göttern zu sein, wie dieser Film mit eindrucksvollen Bildern vermittelt.

Über Grenzen
Spannend wird es, wenn Filme komplett aus der Reihe tanzen, wie „Iceberg Nations“ (Fernando Martín Borlán, Bergzeitpreis Naturraum Berg): Eisberge werden  zu Metaphern menschlicher Konstrukte, wie Nationen und Grenzen. Eisberge schmelzen, und Konstrukte offenbaren ihre Sinnlosigkeit, wenn es um weltweite Probleme wie den Klimawandel geht. 
Für den wohl außergewöhnlichsten Film des Festivals hat es nicht ganz für einen der vier Hauptpreise gereicht. Doch für die Dokumentation „Riafn“ von Hannes Lang passt die Auszeichnung „Der besondere Film“ ohnehin viel besser: „Das ist eine echte Herausforderung für die Zuschauer“, betont die Jury. Doch wer sich auf die seit altersher ohne große Missverständnisse und über alle Grenzen hinweg funktionierende Kommunikation zwischen Mensch, Tier und Natur einlässt, bekommt ein Meisterwerk zu sehen, eine „filmische Meditation vor alpiner Kulisse“.

Die Eroberung des Sinnvollen
Während andere mit körperlichen Höchstleistungen, Grenzerfahrungen und den Eroberungen des Sinnlosen protzen, widmen sich zwei sympathische Rosenheimer Studenten etwas ganz Anderem. Mit Freude und Selbstverständlichkeit retten sie alte Berghütten. „Es ist eine leise, besondere Geschichte, die ohne klassische Berghelden auskommt und in schönen Bildern erzählt, dass man doch etwas verändern kann“, urteilt die Jury, die „Höhenmeter“ von Dominik und Julian Weigand (Deutschland) mit dem Otto-Guggenbichler-Nachwuchspreis auszeichnet. In diesem Fall ist der Erfolg mit Sicherheit kein Drama.