PT 06_Interview_Salmina                                                                        10/2019

 „Das Drehbuch schreibt der Berg“
Der Kärntner Filmemacher Gerald Salmina erhielt 2010 für „Mount St. Elias“, einer spektakulären Dokumentation über die längste Skiabfahrt der Welt, den Großen Preis der Stadt Tegernsee. Quasi den Gegenpol zu Salminas „Extremfilmen“ bilden seine intensiven Landschaftsdokumentationen. 2019 ist Salmina mit seinem neuesten Film, „Manaslu – Berg der Seelen“, wieder im Programm des Bergfilm-Festivals. Im Mittelpunkt steht mit Hans Kammerlander einer der berühmtesten Bergsteiger überhaupt. In einem Gespräch schildert Gerald Salmina unter anderem, welche Rolle das Extreme in seinen Filmen spielt und wie er die Zukunft des Bergfilms sieht.

 Bergfilme prägen den Blick auf die Berge – aus welchem Blickwinkel wollen Sie die Berge präsentieren?
Die Berge versetzen uns in Staunen, fordern uns heraus, motivieren und mahnen uns. Sie bieten uns die Chance, über uns hinauszuwachsen und Demut und Dankbarkeit mit ins Tal zu nehmen. Sie bieten uns die Möglichkeit innere Ruhe zu finden, die Liebe zur Natur immer wieder zu erneuern und mit anderen zu teilen. Sie erlauben uns in eine Welt einzutreten, die klare Regeln bietet und das Chaos des Alltäglichen vergessen lässt. Am Ende steht für mich die Faszination, dass der Mensch, der sich auf die Berge einlässt, keinen Einfluss auf sie nehmen kann, und der wirkliche Drehbuchautor der Berg selbst ist.

Wie wichtig ist für Sie das Extreme? Wäre Kammerlander nicht extrem, hätten Sie vermutlich keinen Film über ihn gedreht, oder?
Für mich ist der Manaslu-Film eine Spurensuche nach dem neugierigen Menschen, der sein Talent für die großen Berge dieser Welt eher “zufällig” entdeckt und es dann mit ganzer Leidenschaft, Energie und großem Können nutzt, um Erfolge zu feiern, aber auch, um an seine Grenzen zu gelangen. Hans gewährt mir einzigartige Einblicke. Die extremen Leistungen sind für mich nur die Kulisse, um den Menschen dahinter kennenzulernen. Die Botschaft dahinter ist die Leidenschaft und die daraus entspringende Motivation, um kleine oder große Ziele zu erreichen, um aufzustehen und sich auf den Weg zu machen und nicht vor dem Ofen sitzen zu bleiben. Es geht darum, dass jeder Tag ein wertvoller ist, solange man sich auf etwas freuen kann.

Wieviel Risiko nehmen Sie und Ihr Team in Kauf, um spektakuläre Bilder zu bekommen?
Die meisten Bilder entstehen aus nächster Nähe und somit hat mein Team in dieser Situation nahezu das exakt gleiche Risiko wie die Bergsteiger. Der professionelle Ansatz ist jedoch kein Risiko einzugehen, welches zu einem Abenteuer mit unbestimmtem Ausgang werden kann.

Welche Entwicklung hat Ihre Herangehensweise an den Bergfilm am meisten verändert?
2007 ist es uns am Mount St. Elias eindrucksvoll gelungen, die Dimension des Berges im Verhältnis zu den Bergsteigern in einer Aufnahme zu zeigen. Mit Hilfe des damals recht neuen Cineflex Helikopter Kamera Systems konnten wir die Dimension des größten Küstenberges der Welt darstellen und gleichzeitig die menschlichen Ameisen auf diesem Berg. Mit Drohnen gelingt es heute wunderbar, die Steilheit im Eis- oder Felsklettern einzufangen. Bei Solo-Aktionen können die Athleten mittels kleiner Kameras sich selbst filmen und subjektive Eindrücke zeigen, welche nur sie in diesen Extrembereichen erleben können. Ein Zusammenspiel von vielen neuen Kameratechniken erlaubt es uns damit, den Bergfilm viel eindrucksvoller und auch sehr viel näher an den Zuseher zu bringen.

Von welchen „alten“ Filmemachern konnten Sie am meisten lernen?
Werner Herzog hat zu mir gesagt, dass er den Zuseher mit der Kamera nicht betrügen will. Mir war es bis dahin nicht explizit bewusst, aber genau das war immer und ist weiter unser Ziel. Um dies zu erreichen ist ein ständiges Lernen notwendig, welches mit der Aufgabe entsteht. Man lernt von Projekt zu Projekt und nicht von anderen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Bergfilms?
Der Bergfilm hat sich als Genre etabliert und wird auch weiterhin große und kleine Geschichten erzählen, die es verstehen die Menschen aus allen Lebensbereichen zu faszinieren und auf eine emotionale Berg- und Talfahrt mitzunehmen. Je professioneller die Werke der Bergfilmemacher werden, desto mehr Publikum wird das Berggenre finden.

Wird sich der Oscar für “Free Solo” auf den Bergfilm auswirken?
Meine Bedenken sind, dass dieser Dokumentarfilm gewonnen hat, weil es eine „überirdische“ Leistung von Alex Honnold war, welche überragend dokumentiert wurde. Es wird schwierig für andere Bergfilme, ähnliches zu erreichen, weil man hier sportlich kaum etwas darüber setzen kann. Ich befürchte ein wenig, dass Bergfilme, welche eine überzeugende Geschichte bieten und welche die Realität abbilden, es schwer haben werden ohne eine sportliche Mondlandung. Trotzdem macht es mich irgendwie stolz und zufrieden, dass ein Bergfilm dieses Mal die höchste filmische Auszeichnung für Dokumentarfilme erreicht hat.

Welches sind Ihrer Meinung nach die besten Bergfilme aller Zeiten?
Vergleiche sind schwer möglich und nicht zielführend. Jede Epoche hatte sehr gute Filme. Die Filmtechnik und die Entwicklung des Sports haben vieles verändert und erleichtert. Was schwierig bleibt ist die Kunst, die Geschichten so zu erzählen, dass man sie auch mit dem Herzen fühlt. Dieses Gefühl ist individuell und benötigt keinen Vergleich, nur eine intensive Aufmerksamkeit über 90 Minuten.