Begründung der Jury

LOBENDE ERWÄHNUNG: Afghan Winter (Fulvio Mariani und Mario Casella)
Die Schweizer Filmemacher Fulvio Mariani und Mario Casella begeben sich als Dokumentaristen durch das kriegsgeschundene Afghanistan – eine bedächtig anmutende Reise auf Ski an bislang unterbelichtete Orte und Winkel des Landes, wo sich die schnellen Fernsehkameras gewöhnlich nicht hinwagen. Ihre Wege sind kaum planbar, für die Beobachter viel Neuland unterm Fuß; immer wieder stossen sie an Grenzen. Unterwegs fangen sie Geschichten von Bewohnern des Landes am Hindukusch und ihre heutigen Lebensbedingungen ein – in sensibel komponierten Bildern, mit wenig Kommentar und viel Raum für das eigene Miterleben. Eine Reise-Reportage im besten Sinne des Wortes, die nach Fortsetzung ruft.

LOBENDE ERWÄHNUNG: In Between (Rolf Steinmann)
Dieser Film ist ein poetisches Gemälde. Er spielt in einer unwirklichen Szenerie. Archaisch anmutende Moschusochsen stehen vermeintlich für die Ewigkeit. Die Reduktion auf das Wesentliche erspart der Jury mehr Worte.

SONDERPREIS DER JURY: Metronomic (Vladimir Cellier)
Die Frage, “Wieso macht man sowas?” wird beim Bergsport zu oft gestellt. Es hat uns gefreut, einen Film zu sehen, der diese Frage in den Abgrund wirft – er stellt sie nämlich umgekehrt: wieso macht man sowas nicht?  Der Jury Preis geht an einen Film, der ein Erlebnis ist. Er ist kreativ, völlig unerwartet, humorvoll und abenteuerlich. Ausserdem hat er was, was alle anderen Filme nicht haben – einen „Flying Drummer“!   NACHWUCHS PREIS:  Simply the Worst  (Franz Müller und Johannes Kürschner) Wir geben diesen Preis nicht an den „besten” Film dieser Kategorie – auch wenn sein Titel anderes vermuten lässt: Simply the Worst. Wir haben gelacht und fast geweint als wir durch Schmutz und Spass auf einen wilden “Road Trip in die Vergangenheit“ mitgerisssen wurden. Der Film zeigt, dass die neue Generation von Filmemachern nicht immer von einer neuen Welt inspiriert ist. An Kreativität fehlt es keinesfalls – sie findet sich sogar auf der Ebene der Untertitel. Der Nachwuchspreis geht an zwei junge Filmemacher, die hoffentlich in der Zwischenzeit etwas gesünder leben – denn wir hoffen auf ein nächstes Werk!

BESTER FILM DER KATEGORIE LEBENSRAUM BERG: Drawing the Tiger (Amy Benson und Scott Squire)
„Das Dorfleben ist hart. Das Stadtleben ist einsam.“ Das sagt ein junger Mann im Film „Drawing the Tiger“ von Amy Benson und Scott Squire. Er ist aus einem Bergdorf in Nepal in die Hauptstadt Kathmandu gezogen und hilft seiner Schwester Shanta, die studieren und damit die Familie aus der Armut befreien soll. Den Filmerinnen gelingt es, in liebevollen Portraits einen intimen Einblick in den Alltag zu geben ohne je voyeuristisch zu sein. Im Gegenteil: Mit sorgfältig gewählten Bildern und mit Behutsamkeit zeichnen sie das Leben einer Familie, die versucht, ihrer Perspektivlosigkeit zu entkommen. Die über sieben Jahre dauernde Langzeitbeobachtung einer zerrissenen Welt hat die Jury beeindruckt.

BESTER FILM DER KATEGORIE NATURRAUM BERG:  Jumbo Wild (Nick Waggoner)
Der Film hat die Jury wegen seiner differenzierten Darstellung der Pläne und Aktionen für und wider ein touristisches Resort im Gebiet des Jumbo Gletschers in British Columbia überzeugt. Die Bemühungen, ein Wintersportzentrum inmitten einer unberührten Natur zu errichten, die seit Beginn der Neunzigerjahre laufen, und die Versuche, das Vorhaben zu verhindern, werden durch eine genaue Recherche, eingehende Interviews mit den Entscheidungsträgern und Akteuren beider Interessensgruppen sowie durch den Versuch, ihre jeweiligen Motivationen zu ergründen, eindrücklich gezeigt, ohne je in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Die Haltung des Autors Nick Waggoner bleibt dabei stets transparent.

PREIS DES DEUTSCHEN ALPENVEREINS FÜR DEN BESTEN ALPINFILM DER KATEGORIE ERLEBNISRAUM BERG: K2 – Touching the Sky (Eliza Kubarska)
1986 verloren 13 Menschen am zweithöchsten Berg der Welt ihr Leben. Darunter waren auch Mütter und Väter. 30 Jahre später geht die Filmautorin Eliza Kubarska mit den Kindern dieser Mütter und Väter an den Fuss dieses Berges. Die inzwischen längst erwachsenen Töchter und Söhne erzählen davon, was die Leidenschaft ihrer Eltern und ihr Tod am Berg mit ihnen gemacht hat. Wo hört die Selbstbestimmung auf und wo fängt die Verantwortung gegenüber der Familie an? Was ist Verfolgung einer Leidenschaft und was ist Egoismus? Was heisst es, wenn man sich gekränkt fühlt, weil die Berge wichtiger sind als man selbst? Der Film lotet diese Fragen in einer Art und Weise aus, die nie urteilend oder moralisierend ist, sondern immer differenziert und empathisch. Die Autorin kommt den Söhnen und Töchtern der verunglückten Bergsteiger nahe. Sie erzählt gleichzeitig das Leben der Eltern, indem sie historisches Filmmaterial der Expeditionen der 80er Jahre geschickt mit dem neu gedrehten Material verwebt. Keine Drohnenflüge, keine Verklärung und Überhöhung der Berge – passend zum Filmthema bleibt die Kamera am Boden und zeigt die Schönheit des Baltoro-Gebiets aus der Perspektive der trekkenden Kinder. Die Jury findet den polnischen Film „K2 – Touching the Sky“ eine sehr gelungene filmische Umsetzung eines zwar immer wieder aufgebrachten, aber selten in dieser Tiefe behandelten Themas.

GROSSER PREIS DER STADT TEGERNSEE:  „Verso l’ignoto“ – Ins Unbekannte (Federico Santini und Roberto Dall’Angelo)
Packend, authentisch, hautnah und echt. In diesem Versuch, den Nanga Parbat erstmals im Winter über die Diamir-Flanke auf Mummerys Spuren zu besteigen, geben die Filmemacher Federico Santini und Roberto Dall’Angelo Einblick in die Gefühlswelt des Extrembergsteigers Daniele Nardi. Ohne zu überzeichnen, ohne künstliches Dramatisieren, gefilmt mit einfachsten Mitteln. Im Gegensatz dazu steht der physisch wie psychisch fast unmenschlich anmutende Einsatz des Protagonisten. Er kommt hier unmittelbar und unverfälscht über die Leinwand. Eine ungeschminkte Darstellung, die das sogenannte Scheitern am Berg in einer selten erzählten Ehrlichkeit zeigt.