Pressetext Jury                                                                                 22/10/2016

14. Internationales Bergfilm-Festival Tegernsee, 19. - 23. Oktober 2016

Der Erfolg des Scheiterns

Die blauen Plakate bleiben nicht lange leer. Immer mehr kleine gelbe Zettel , diese Farbtupfer werden immer dichtere – und mit jedem Zettel wird die Entscheidung für die Jury schwieriger. Denn jedes Plakat steht für eine Auszeichnung und auf jedem Zettel steht der Name eines Filmes, der diesen Preis 2016 in Tegernsee verdienen könnte.

Viele gelbe Tupfer, von denen am Ende pro Blatt nur einer übrigbleibt. Ein erfreulicher Anblick für Festival-Direktor Michael Pause: „Das zeigt, dass wir über alle Kategorien eine breite Palette hochwertiger Filme im Programm haben. Für das Publikum ist das fantastisch, aber es bedeutet viel Arbeit für die Jury.“ Die fünf Juroren sitzen vier Tage lang im abgedunkelten Raum vor dem Bildschirm, während draußen Sonnenstrahlen die Landschaft verzaubern. Sie sind in den Bergen ebenso zuhause wie in Redaktionen, sie wissen, wie man eine Kamera führt und wie man mit Klemmkeil und Eisschrauben umgeht.

Filme werden vor- und zurückgespult, einzelne Sequenzen genau unter die Lupe genommen. Einige Zettel verschwinden, andere gehen auf Wanderschaft, denn „dem könnte man ja auch den Nachwuchspreis geben“, sagt Lisa Röösli aus der Schweiz. „Ist euch schon aufgefallen, dass es diesmal in fast allen guten Filmen ums Scheitern geht?“, stellt Peter-Hugo Scholz aus Leipzig in den Raum. Doch was ist Scheitern? Die Aussagen der Protagonisten werden diskutiert, analysiert, in Frage gestellt. Eigene Erinnerungen werden an die Oberfläche gespült: Wie war das damals, als ich in so einer Situation war? Ist die Szene im Film realistisch? Wie kommen die Gefühle rüber, wie lautet die Botschaft? Die Diskussion wird fast philosophisch. „Sobald Du die Entscheidung getroffen hast, bist Du froh, dass Du weg kommst“, erinnert sich Adi Stocker aus Österreich. „Du hast die Klippe geschafft“, ergänzt Peter-Hugo Scholz. Der Erfolg des Scheiterns.

Die Farbtupfer werden weniger, die besten Filme kristallisieren sich heraus. „Wo bringen wir die Moschusochsen unter – der Film kann nicht durchfallen“, appelliert Ingrid Runggaldier aus Südtirol. Stoisch verharren die gewaltigen Tiere auf dem Bildschirm in der Eiseskälte. Für die Ewigkeit. Oder zumindest, bis ihr Zettel zu den „Lobenden Erwähnungen“ wandert, die langsam zum „Sammelbecken“ werden. „Die Arbeit in der Jury, ändert schon den Blick“, schildert Carla Braun-Elwert aus Neuseeland. „Man erfährt Hintergrund­geschichten und wird mit anderen Ansichten konfrontiert. Da bewegt sich viel.“

Es ist spannend, anstrengend und richtige, konzentrierte Arbeit. Lange Filme mit oft verschiedenen, in sich verflochtenen Ebenen werden sorgfältig angeschaut, im Schnelldgang geht nichts. Besonders schwer wird es, wenn trotz Kategorien „Äpfel und Birnen“ verglichen werden müssen. Da kann der Alltag der Füchsin Zorra in noch so fantastischen Bildern gezeigt werden, ihr Zettel wandert in den Papierkorb. Die Botschaft von „Jumbo Wild“, einer Dokumentation über die Erschließung eines riesigen Skigebietes, ist zu stark.

Endlich sind nur noch sechs Zettelchen übrig, die Preisträger 2016 stehen fest, die Jury darf an die Sonne. Sind die anderen nun gescheitert? Eine Antwort gibt ein Blick in die Kinosäle. Wer die Begeisterung dort spürt, der weiß: Es gibt hier keine Verlierer. Weder am Berg noch beim Festival.