Pressetext     /     24/10/2015

13. Internationales Bergfilm-Festival Tegernsee, 21. - 25. Oktober 2015

Packende Filme, die in kein Format passen

Wer sich in den vergangenen Tagen konsequent auf das Bergfilm-Festival in Tegernsee eingelassen hat, bekam Fantastisches, Aufwühlendes und Atemberaubendes geboten. Bilder – und auch Worte –, die nachhallen, die immer wieder aus dem Unterbewussten auftauchen und reichlich Stoff liefern, um weiterzudenken.

„Nur zurücklehnen und sich berieseln lassen, ist zu wenig“, betonte Professor Werner Bätzing nach seinem „Kamingespräch“ über die Zukunft der Alpen, das erstmals im Rahmen des Bergfilm-Festivals stattfand. „Ein Festival muss auch Denkanstöße geben, eine Diskussion entfachen und etwas bewegen.“ Ansprüchen, dem die Macher des Tegernseer Bergfilm-Festival seit Jahren Rechnung tragen, die aber gerade in diesem Jahr wieder deutlich an Profil gewannen: Sei es bei der lebhaften Diskussionsrunde mit Bätzing, bei dem aufrüttelnden Nepal-Abend, wo die schon fast vergessenen Folgen des verheerenden Erdbebens wieder drastisch vor Augen geführt wurden, oder natürlich bei den Filmen – es waren 85 –, die in den vergangenen Tagen einem begeisterten Publikum gezeigt wurden.

Bilder, schärfer als die Wirklichkeit
Die Perspektiven sind ungewöhnlich, die Bilder scheinen schärfer als die Wirklichkeit und der Zuschauer rückt fast näher an den Berg als die Protagonisten selbst. Die neue Technik, die in den letzten Jahren den Bergfilm erobert und geprägt hat, ermöglicht eine nie gekannte Art des Ausdrucks. „Da ist es schon fast wohltuend, wenn zwischendurch wackelige Super-8-Bilder aus irgendwelchen Archiven auftauchen“, meint ein Zuseher, „tiefen Eindruck hinterlassen auch einfache Bilder“. Wenn „Hollywoodtöne“ feine Nuancen ersetzen, werden Filme einander leicht ähnlich und austauschbar.

Dem Bewegenden auf der Spur
Dem Bewegenden, das sich abhebt von der Masse, war auch die internationale Jury in den vergangenen Tagen auf der Spur. „So ein Festival ist ja gerade für innovative Filmemacher, die sich in kein Schema pressen lassen, eine Plattform“, freute sich Jury-Mitglied Karmen Tomšič aus Slowenien. Begeistert waren sie und ihre vier Mitjuroren vor allem von Regisseuren, die nur behutsam mit dem heute technisch Möglichen spielten; die sich in Machart und Länge allein an der Geschichte, die erzählt werden soll orientierten – weder an möglichen Sendeformaten noch, wenn auch meist unausgesprochen, an Sponsorenbedürfnissen. Sie lassen den Bildern Raum, um zu wirken und in den Köpfen der Zuseher zu arbeiten. „Wenn die Bilder stimmen, braucht es nicht viele Worte“, so Jurymitglied Toon Hezemans aus den Niederlanden, der selbst Veranstalter eines Bergfilm-Festivals ist. „Wer alles beschreibt, lässt nichts mehr fürs Publikum übrig.“

Ein guter Ort für den großen Preis
Am weitesten vor wagte sich hier die polnische Filmemacherin Julia Poplawska, die dafür mit dem Großen Preis der Stadt Tegernsee ausgezeichnet wurde: „Miejsce“ oder Ort, wie es deutsch heißt, ist ein innovativer Film mit einer noch nie gesehenen Herangehensweise und einer ungewöhnlichen Kameraführung. Wenige akzentuierte Töne und starke Bilder reichen, um eine gruselige Atmosphäre zu schaffen und aus einer einsamen Wetterstation eine Raumstation zu machen. „Egal wie kurz, dieser Film ist großes Kino“, so die Jury in ihrer Begründung.  Mit wenig Aufwand wurde auch der beste Alpinfilm gedreht, der mit dem Preis des Deutschen Alpenvereins ausgezeichnet wurde: Ruhig, besonnen und ehrlich schildern die drei italienischen Filmemacher in „First Ascent“ die Erstbesteigung eines Siebentausenders im Karakorum mit wirkungsvollen Bildern. 

Tore schießen statt heiraten
Während die außerirdische Wetterstation die Zuschauer erstarren lässt und die Extrembergsteiger im Karakorum für feuchte Hände sorgen, gewinnen die jungen Fußballerinnen aus einem abgelegenen Dorf in Nepal sofort die Herzen des Publikums: Der nepalesische Regisseur Bhojraj Bhat, der für „Sunakali“ mit dem Preis für den besten Film in der Kategorie Lebensraum ausgezeichnet wurde, ist zufällig auf die bewegende Geschichte der Mädchen gestoßen, die lieber selbst Tore schießen als mit 14 Jahren schon verheiratet zu werden, verriet er bei der Preisverleihung im Barocksaal. Zumindest kurz dürfen die Fußballerinnen spüren, wie es sich anfühlt, aus dem Dorfleben auszubrechen und mit der großen weiten Welt in Kontakt zu kommen. Ein Film, der ohne großen technischen Schnickschnack auskommt und der einem das Gefühl gibt, selbst mit dabei zu sein – auch dann noch, wenn man den Kinosaal längst verlassen hat.

Zwei Preise für ein großes Kunstwerk
Eigentlich ist es „nur“ das Porträt eines Fotografen. Doch der junge französische Filmemacher Mathieu Le Lay macht daraus ein Fest der Sinne: Er geht selbst auf in der gewaltigen Bildsprache Alexandre Deschaumes und schafft so auf der Suche nach Inspiration – so der Titel des Films - ein Meisterwerk. „Wir werden Augenzeugen, wie die atemberaubende Natur künstlerisch interpretiert wird“, so Journalist und Jurymitglied Dr. Peter-Hugo Scholz. Der Planet Erde im Allgemeinen und die Bergwelt im Besonderen werden zur absoluten Ausnahmeerscheinung, zu etwas unsagbar Wertvollem, das es gilt, mit allen Kräften zu schützen. „Für mich ist es eine der zentralen Aufgaben des Bergfilms, dieses Bewusstsein zu schaffen“, betont Juror Leo Baumgartner aus Osttirol, der schon unzähligen Filmteams bei der Auswahl der richtigen Location geholfen hat. „Denn die Erde hat keine Sponsoren, sie hat nur Nutzer und vielleicht eine kleine Handvoll Menschen, denen diese große Verantwortung auch bewusst ist.“ Mathieu Le Lay erhielt in Tegernsee den Otto-Guggenbichler-Preis für den besten Nachwuchsfilmer und den Preis für den besten Film in der Kategorie Naturraum.