12. Bergfilm-Festival Tegernsee: Begründung der Jury

Großer Preis der Stadt Tegernsee (€ 3.000,-)
»Der Bauer bleibst Du« von Benedikt Kuby (Deutschland)

Der Film ist die Dokumentation einer  handwerklich-bäuerlichen Welt, die am Verschwinden ist, die es eigentlich schon nicht mehr gibt. An einer Stelle heißt es: Es gibt moderne Maschinen für solche Feldarbeit, aber der Bauer tut diese Arbeiten mit dem alten Werkzeug, weil er den Faden nicht abreißen lassen will zu der Welt, aus der er stammt und zu der er gehört. Der Film erfasst diese Welt mit einer außergewöhnlichen Sensibilität und einer Kamera, die die Stille zum Tönen bringt. Es ist eine Kamera, die Gesichter zum Sprechen bringt, auch wenn gerade kein Wort gesprochen wird. Der Einsatz der Musik ist extrem wirkungsvoll, weil er extrem sparsam ist. Es gibt keine Szene, die gestellt oder unglaubwürdig wirkt. Die Authentizität und Ehrlichkeit, mit der die Personen sich öffnen, lassen erahnen, wieviel Geduld und Verständnis der Autor aufgebracht hat, um diesen Film zu machen. Bei all dem wird kein romantisches Niemandsland gemalt, sondern die moderne heutige Welt ist präsent und die respektvolle Begegnung zwischen zwei Generationen ist Teil der Geschichte und der Dramaturgie.

Preis des Deutschen Alpenvereins für den besten Alpinfilm
der Kategorie »Erlebnisraum Berg«
(€ 1.000,-)
»Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance« von Thomas Dirnhofer,  Philipp Manderla (Österreich)

Der Cerro Torre ist einer der schönsten und spektakulärsten Berge der Welt, und die Kamera fängt diese Schönheit ein. Cerro Torre ist ein Film über eine wahrhaft epische Leistung, die eine ebenso epische Anstrengung erforderte, und zwar sowohl vom Kletter-Team als auch vom Film-Team. Ein langer Film, der  ebensoviel Durchhaltevermögen und Geduld erfordert wie es das Projekt erfordert hat und das launische Wetter in Patagonien. Die Autoren haben keine Bedenken, uns die Momente des Scheiterns, der Frustration und der Langeweile miterleben zu lassen. Aber wir erleben auch Momente, in denen diese ernsthaften Spitzen-Alpinisten Blödsinn und Unfug miteinander treiben. Andererseits sehen wir großartige Bilder einer alpinistischen Extremleistung sowie die damit verbundene Arbeit der Kamera-Teams. Wir sehen, was ein Team erreichen kann, wenn es zusammenhält. Der Film zeigt aber auch die Entwicklung eines Top-Kletterers vom Wunderkind zu einem reifen Alpinisten, der trotz seiner Jugend ein klares Wertesystem vertritt.  Cerro Torre ist ein Film, in dem wohltuend wenig von Heldentum die Rede ist, obwohl die Leistung heldenhaft ist. Darüber hinaus erfahren wir viel über die Geschichte des Cerro Torre. Ein neues Kapitel ist geschrieben, ein neues  Kapitel auch in der Geschichte des Free Climbing.

Bester Film in der Kategorie »Lebensraum Berg« (€ 1.000,-)
»La lampe au beurre de Yak (Die Butterlampe)« von Hu Wei (Frankreich)

Ein tibetischer Wander-Fotograf mit seinem Assistenten, ein paar wechselnde Fotohintergründe und eine Reihe tibetischer Kunden, die vor diesen Hintergründen arrangiert werden, sind die Zutaten zu diesem außergewöhnlichen Film. Eine völlig statische Kamera beobachtet die Szenerie und doch wird der Zuschauer unmittelbar dazu bewegt, über asiatische Situationskomik und über die Lage der Tibeter nachzudenken – vielleicht mehr als durch viele wort- und bildreiche Dokumentationen und Spielfilme zu diesem Thema. Ein Meisterwerk in Sachen Reduktion und für die Jury einer der bewegendsten Filme des Festivals.


Bester Film in der Kategorie »Naturraum Berg«
(€ 1.000,-)
"Dar Josejo-ye Palang-e Irani (Persischen Leoparden auf der Spur)" von Fathollah Amiri (Iran)

Trotz einiger filmischer Mängel erscheint uns diese Dokumentation über den Persischen Leoparden wert, mit einem Preis ausgezeichnet zu werden. Sie zeigt in einfacher, aber berührender Weise die viele Jahre dauernden Bemühungen einer Gruppe iranischer Naturschützer, etwas mehr über das „Fabelwesen“ Persischer Leopard zu erfahren, seine Ansprüche an den Lebensraum, seine aktuelle Verbreitung, die Bedrohungen, denen er ausgesetzt ist. Mit einfachen Wildkameras, zu kurzen Teleobjektiven, aber unendlicher Geduld und Ausdauer versuchen sie, sich dieser hochgradig bedrohten Tierart zu nähern – der letzten Großkatzenart im Iran und im Kaspischen Raum nach der Ausrottung von Tiger und Löwe. Der Film endet mit dem Fund eines mit seinen beiden Jungen von Wilderern erschossenen Leopardenweibchens und hinterlässt zuerst ein Gefühl der Ohnmacht – emotionaler Begleiter vieler Naturschutzprojekte. Aber es bleibt die Gewissheit, dass diese Naturschützer weitermachen werden. Ein berührender und letztendlich Mut machender Film.

 

Otto-Guggenbichler-Nachwuchspreis
»Vigia« von Marcel Barelli (Schweiz)

Dass Lebensräume knapp werden, wissen wir alle. Wollen’s aber so gern vergessen. Tausend schlechte Nachrichten, Zeitungsartikel und Dokumentationen darüber verhallen ungehört. Und da summt dieser kleine Film daher, mit spielerischer Leichtigkeit. Und wir merken uns die Geschichte, ob wir wollen oder nicht. Es ist die Geschichte über eine Biene. Wir sehen die Biene, witzig gezeichnet und so simpel, dass sie universell wird. Dazu erklärt ein Großvater mit weiser alter Stimme seinem Enkel, wie man eine gute Bienen-Geschichte erzählen müsste: Zuerst geht’s den Bienen gut. Dann die Verschmutzung ihres Lebensraums. Das Sterben beginnt. Als letzte Zuflucht bleiben die Berge. Aber dann… aus Heimweh… fliegt die Biene zurück. Das ist das Ende. Die Kombination aus witzigen Cartoons und einer uralten, erzählten Geschichte lässt uns vor der Wahrheit einfach nicht davon laufen. Vom kleinen Kind bis zum hochdekorierten Akademiker wird niemand mehr Vigia vergessen.


Lobende Erwähnungen (undotiert)

»The Sensei« von Josh Lowell, Peter Mortimer, Nick Rosen (USA)
Beeindruckt hat uns die Geschichte, die in diesem Film erzählt wird: Zwei Kulturen, zwei Generationen treffen sich an einem abgelegenen Berg in Borneo. Hoch auf den Granitwänden des Kinapalu. Es ist eine Geschichte über einen Mentor und seinen Schüler. Gleichzeitig über einen jungen Mann, der einen der legendärsten Kletterer der Welt inspiriert. Dort am Kinapalu entsteht eine ganz unerwartete Dynamik: Die Erfahrung, Besonnenheit eines alten Profis und die ungezügelte, explosive Genialität eines neuen Sterns am Kletterhimmel kommen zusammen und ermöglichen beiden, über sich hinaus zu wachsen.

»Bylot Island« von Sébastian Devrient (Schweiz)
Bylot Island scheint uns besonders erwähnenswert wegen seiner grossartigen Bilder einer Gletscherlandschaft  in der Arktis, des effektvollen Einsatzes einer kleinen Kamera-Drohne, wegen spannender Begegnungen mit Eisbären, aber auch wegen der total erfrischenden und humorvollen Art, in der die Drei uns vor und mit der Kamera ihre Geschichte erzählen, eins zu eins, exakt so abenteuerlich und so spannend, wie sie sie von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag erleben.

»High Tension (Hochspannung am Everest)« von Josh Lowell, Peter Mortimer, Nick Rosen, Zachary Barr (USA)
High Tension ist eine höchst wichtige Dokumentation über einen kritischen Moment in der Geschichte der Everest-Besteigungen: Zwei Top-Alpinisten aus dem Westen kommen sich mit einer Gruppe von Sherpas, die für die Everest-Touristen am Berg arbeiten, massiv in die Quere. Die Situation eskaliert. Der Film erhebt nicht den Anspruch, alle Antworten parat zu haben. Er fordert den Betrachter vielmehr heraus, die richtigen Fragen zu stellen. Der Regisseur kombiniert sehr geschickt Amateuraufnahmen und professionelles Material. Die Interviews sind ausgewogen und beleuchten beide Seiten des Konflikts. Ein geschickter Schnitt sorgt für anhaltende Hochspannung.

 

Publikumspreis