Pressetext       02/0ktober/2013

11. Internationales Bergfilm-Festival Tegernsee

Strom, Tee und ein Großer Preis
Überraschende Wendungen, neue Perspektiven und Probleme, die man so vielleicht bisher noch nie wahrgenommen hat: Zuschauer und Jury waren begeistert von außergewöhnlichen Filmen, die sie extrem nah an den Berg und nahe an die Menschen, die dort unterwegs sind, brachten.

„Ich bin mit der typischen europäischen Sichtweise, was einen guten Bergfilm ausmacht, hergekommen“, gesteht Jury-Mitglied Helmut Scheben aus der Schweiz. Und da seien nun einmal die Berge die Glücksbringer und die Möglichkeit, sich Lebensträume zu erfüllen. „Doch dann war ich auf einmal ganz anderer Ansicht“, so der langjährige Redakteur der Schweizer Tagesschau. Denn besonders berührend waren nicht nur für ihn gerade jene Produktionen, die eine ganz andere Sichtweise in den Fokus rückten: Filme, in denen Berge nicht für Freiheit, Gipfelglück und sportliche Leistung stehen, sondern auch Ursache von Ausgrenzung, Einsamkeit und sozialen Konflikten sein können. Filme, in denen das Anrücken der Zivilisation die Menschen in ein tiefes Dilemma stürzt.
Das klingt nach schwerer Filmkost, die zwar moralisch wichtig ist, aber wohl kaum Spaß machen kann. Doch weit gefehlt. Mit spielerischer Leichtigkeit hat zum Beispiel Jerome Le Maire, ein belgischer Filmemacher, dieses Thema in seiner Dokumentation „Le thé ou l‘éléctricité“ aufgegriffen. „Das ist hohe Kunst, deshalb haben wir ihn für den Großen Preis der Stadt Tegernsee ausgewählt“, verrät Juror Matthias Fanck (Deutschland). Jerôme Le Maire beobachtet unaufdringlich in den Bergen gelegene marokkanische Dorfgemeinschaft auf ihrem problematischen Weg in die moderne Informations- und Medienwelt und zeichnet so mit leichter Hand die tragische Geschichte einer Desillusionierung. „Er setzt die Kamera dabei so behutsam ein, dass die Leute im Dorf gar nicht registrieren, dass sie gefilmt werden“, staunt Fanck.
„Diese Dokumentation zeigt genau das, was sich in den Bergen abspielt, nicht nur in Marokko, sondern an jedem Ort dieser Welt. Deshalb ist er unbedingt notwendig, und ich freue mich, dass er mit dem Großen Preis ausgezeichnet wurde“, betont auch Festival-Direktor Michael Pause.

Besonders wertvoll: „La Dura Dura“
Chris Sharma, einer der ganz Großen der Sportkletter-Szene, und „Wunderkind“ Adam Ondra „kämpfen“ in Spanien mit ein und derselben Route, mit La Dura Dura. Erstaunlicher Weise entwickelt sich daraus nun kein verbissener Konkurrenzkampf, sondern ein gemeinsames Spiel, das beide gleichermaßen fordert, das sie vieles lehrt, ihnen aber auch unglaublich Spaß macht – gerade weil sie keine Einzelkämpfer mehr sein müssen. „Das ist eine neue Dimension in diesem Genre“ würdigte die Jury den Film der Amerikanerin Iris Rankin. „Der Gegenpol zum allgegenwärtigen Solotrip, den Alex Honnold auf die Spitze treibt“, freut sich Leo Baumgartner. „Bei diesen Filmen ist es ja oft schon ein Wunder, wenn der Seilzweite überhaupt einmal  ins Bild kommt. Und manchmal hat man den Eindruck, dass da höchstens ein Tragerl mit Energie-Drinks am anderen Ende des Seils hängt.“