Pressetext       01/0ktober/2013

11. Internationale Bergfilm-Festival Tegernsee

Neue Perspektiven und viele Überraschungen

Volle Säle, Filmemacher, die hervorragende Arbeit geleistet haben – egal ob sie in China, am Haldigrat oder an den Tafelbergen Venezuelas unterwegs waren – und eine Jury, die keine leichte Aufgabe hat. So sieht die Zwischenbilanz nach dem Traumstart des Bergfilm-Festivals in Tegernsee aus. Wer zu einer der Vorstellungen kommt, kann sich auf Überraschendes freuen – und darauf, seinen Blickwinkel zu erweitern.

„Eine neue Perspektive“ so lautet nicht nur der Titel eines Films, der zeigt, wie es der Sportkletterer David Lama schafft, den Schritt aus der Wettkampfszene hinaus in die weite Welt der ganz hohen, steilen Berge zu wagen. „Neue Perspektiven“, das könnte auch das inoffizielle Motto des 11. Bergfilm-Festivals in Tegernsee sein. Denn der Blick in die sechs Kinosäle zeigt, dass eine ganze Reihe der Filme vor allem eines gemeinsam haben: Sie zeigen Überraschendes und nehmen einen völlig anderen Verlauf, als man es erwarten würde. „Man muss da die eigene Denkweise wirklich etwas umkrempeln“, freut sich ein Zuschauer.
Neue Perspektiven, das gibt es natürlich auch in filmtechnischer Hinsicht, da sich hier in den letzten Jahren viel getan hat. Eine Entwicklung, die sich nun in der Machart der Filme eklatant niederschlägt: „Bei manchen Produktionen da staunt man inzwischen ja fast mehr über die  Kamera, die wirklich zum Teil ganz neue Blickwinkel eröffnet, als über die Leistung der Darsteller“, meinte Michael Pause am Eröffnungsabend im Barocksaal. „Die Gefahr dabei ist, dass die Geschichte darunter leidet, und die Menschen, um die es eigentlich gehen sollte, in den Hintergrund gedrängt werden.“

Mit dem Oktokopter näher an den Menschen
Wie wichtig es ist, diesem Trend der Technik zu widerstehen, weiß auch Filmemacher Joachim Hellinger. „Die Kamera ist das Mittel zum Zweck“, betont er im Gespräch. „Der Einsatz der Technik darf keinesfalls zum Selbstzweck werden. Sie muss stattdessen dazu dienen, noch näher an den Menschen zu kommen. Denn unsere Aufgabe ist in erster Linie, die Freude und das großartige Erlebnis, das wir und die Protagonisten haben, in den Film hineinzutragen und so zum Zuschauer zu bringen.“ Ein Anliegen, das Hellinger in seinem Filmbeitrag „Je veux“ hervorragend gelungen ist: Die französische Sängerin Zaz möchte mit ihrer Band auf dem Gipfel des Mont Blanc auftreten. Anfangs mag man das Ganze ja noch als abgedrehten „Spleen“ abtun. Doch der Film hat kaum begonnen, da hat man die extravagante Französin schon ins Herz geschlossen. Der Mont Blanc mag für sie ja fast auf einem „anderen Planeten“ liegen, doch sie will diese andere Welt kennenlernen – ohne doppelten Boden und aus eigener Kraft, couragiert und humorvoll. Das ist Lebensfreude, kein Werbegag und deshalb freut man sich so mit ihr, als sie auf dem Gipfel ankommt.

Berg-Film-Menschen
Während die Gäste im Barocksaal sich als nächstes von Traumbildern aus Ladakh begeistern lassen, führt die Filmreise im Schalthaus zu Kurt und seinem Sessellift am Haldigrat in der Schweiz. Kauzig ist er und was er tut, das macht er, weil er es für richtig hält – egal was der Rest der Menschheit darüber denkt. Ein Spinner, der dem Fortschritt genauso trotzt wie dem Wetter. Den meisten wäre Kurt im „echten Leben“ wohl zu sperrig, trotzdem würde wohl der halbe Saal am liebsten sofort zum Haldigrat aufbrechen. „Weil es einfach so genial ist, dass es Menschen wie ihn gibt“, sagt eine Besucherin.
Unterdessen kämpfen im Medius-Saal die berühmten Huber-Buam am Mount Asgard auf Baffin Island verbissen um wenige Meter, bevor zwei junge französische Filmer mit den besten Kletterern der Welt in China unterwegs sind: Es fasziniert, wie die Kletterikonen Lynn Hill und Chris Sharma zeigen, dass Klettern auch einfach nur Freude sein kann und eine spielerische Chance, Brücken zu bauen: Von Mensch zu Mensch mögen sie noch so unterschiedlich sein. Der Top-Kletterer mit dem perfekten Körper ist gemeinsam mit einem Menschen unterwegs, der sein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt ist und sich kaum rühren kann. Die  Einheimischen, die noch nie weiter als bis zum nächsten Dorf gekommen sind, feiern begeistert mit den Weitgereisten, wenn etwas gelungen ist – oder Lachen mit ihnen, wenn ein Move mal wieder total in die Hose ging.

Dem „Nicht-Zu-Erwartenden“ auf der Spur
Viele gute Filme, das bedeutet auch viel Arbeit für die international besetzte Jury, die sehr genau hinschauen musste, um mit ihrem Urteil ins Schwarze zu treffen. Bereits seit Beginn der Woche sind die fünf Juroren an der Arbeit. „Es ist ein sehr guter Jahrgang, würde man beim Wein sagen“, mehr  Einblick will Daniela Cecchin aus Italien jedoch noch nicht gewähren. „Besonders beeindruckt haben mich jene Filme, die das Nicht-Zu-Erwartende zeigen, die auch einmal völlig überraschende Botschaften übermitteln. Und davon gibt es eine ganze Reihe“, das ist alles, was  Helmut Scheben, Juror aus der Schweiz, verrät.
Wer den Großen Preis und die weiteren Auszeichnungen bei der Preisverleihung am Samstagabend im Barocksaal erhalten wird, das entscheidet allein die Jury. Doch bei der Vergabe des Publikumspreises kann jeder einzelne mitwirken, und der ist für manch einen Filmemacher die wichtigste Auszeichnung überhaupt: „Dann weiß ich, jetzt hab ich‘s geschafft. Meine Botschaft ist bei den Zuschauern angekommen.“

 

Von Kindern das Sehen lernen
Wo kommen nur all die Kinder her, mag sich manch einer erstaunt fragen, der kurz vor Beginn des Kinderkinos durch die Tegernseer Straßen geht. Mucksmäuschen still ist es dann im Saal, als die „Kuh Nummer 9“ ihre Freundin (Kuh Nummer 10) verliert und sie nun auf den weitläufigen Almwiesen rund ums Fellhorn wieder suchen muss. Kurzer Zwischenapplaus, erleichtertes Aufatmen und Jubel, als die Kuh-Freundinnen wieder beisammen sind. „Eigentlich schade, dass es einem mit der Zeit verlernt wird, sich so restlos auf einen Film einzulassen und so vorbehaltlos  mitzuleben“, meint eine Lehrerin. „Vielleicht sollten auch Erwachsene ab und zu ins Kinderkino gehen, um wieder zu entdecken, wie man sich begeistern lassen kann – ohne dass man ständig meint, sich ein Urteil bilden zu müssen, ob das nun gut oder schlecht, richtig oder falsch ist.“