Pressemappe - PK03 Jury        20/10/2012

10. Internationales Bergfilm-Festival Tegernsee vom 13. bis 21. Oktober 2012

„Wir vergeben keinen Schönheitspreis“

Dr. Rainer Stephan kennt das Bergfilm-Festival seit vielen Jahren: als Journalist für die Süddeutsche Zeitung ebenso wie als Gast, und nun auch als Mitglied einer Jury, die mutige Entscheidungen getroffen hat. Seine Eindrücke schildert er in einem Interview.

Sie kennen das Festival seit vielen Jahren, was hat sich aus Ihrer Sicht verändert?
Ich habe den Eindruck, dass früher mehr Filme gezeigt wurden, wo das reine Sporterlebnis im Mittelpunkt stand. Davon scheint man wieder wegzukommen. Erstaunlich ist, dass so wenige Berg-Spielfilme vertreten waren. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich der Schauplatz Berg ja wieder zu einem auch für Spielfilme interessanten Drehort etabliert. Wenn auch der Berg dann meistens eine andere Rolle spielt als früher.

Als Autor und Journalist arbeiten Sie ja vor allem schreibend und haben mit dem Genre Film relativ wenig zu tun. Und nun müssen Sie in der Jury Filme beurteilen…
Das ist die gleiche Herangehensweise wie wenn ich Filmkritiken schreibe. Ich bin ein normaler Zuschauer, der nicht von vornherein filmfachliche oder technische Maßstäbe anlegt. Das heißt aber nicht, dass ich dadurch den Geschmack des durchschnittlichen Zuschauers repräsentiere. Für mich ist entscheidend, dass ein Film bei uns ankommt. Die Bilder müssen mich packen, sie müssen mich ansprechen. Und sie müssen eine wichtige Botschaft übermitteln, die ich auch verstehe, wenn ich zuvor nichts von der Problematik weiß. Das ist bei dem Film „Schnee“ der Fall, der in diesem Jahr von uns mit dem Großen Preis ausgezeichnet wurde. Diese Bilder belasten und sie beschäftigen das Publikum noch länger, vor allem dann, wenn sie Skifahrer sind. Aber die technische Seite wird im Urteil der Jury natürlich auch beurteilt, deshalb sind wir ja auch zu fünft.

Muss ein Film, der hier mit dem „Großen Preis“ ausgezeichnet wird, nicht auch schön sein?
Nein. Auch auf einem Bergfilm-Festival vergeben wir keinen Schönheitspreis. Beurteilt wird die Qualität. Ein Film muss wichtig und gut sein, die Bilder müssen eine Botschaft vermitteln, auch wenn einem die Problematik zuvor nicht bewusst war oder sie unbequem ist. Die Veranstalter eines Bergfilm-Festivals sollten sich davor hüten, nur Filme zu zeigen und auszuzeichnen, in denen die Berge ausschließlich als schöne, heile Welt verkauft werden – dafür ist diese Welt zu sehr bedroht. Es tut deshalb nicht gut, wenn Preise am Schluss immer nur an das Schöne gehen. Abgesehen davon ist „Schnee“ ein sehr schöner, toll gemachter Film mit großartigen Bildern. Aber zweifellos: Seelenbalsam ist das nicht. Und gerade deshalb ist der Film doppelt gut und hat den Großen Preis verdient.