Pressemappe 22-10-11 - Die Begründung der Jury

9. Internationales Bergfilm-Festival Tegernsee vom 19. bis 23. Oktober 2011

Begründung der Jury

Jury-Mitglieder:
Sarah Senn-Hauser | Ingrid Runggaldier | Françoise Guais | John Porter |
Hans-Martin Götz

Großer Preis der Stadt Tegernsee
Voyage au bout de l’hiver
Regie: Anne und Erik Lapied (Frankreich)

Am Anfang haben wir gedacht, 76 Minuten seien lang für einen Naturfilm. Auch wenn die Bilder wunderbar sind, könnte es allmählich langweilig werden. – Aber nein. Wie gesagt sind die Bilder echt schön, gut cadriert, überraschend.
Aber vor allem erleben wir zusammen mit Anne und Erik Lapied ihren langen Herbst und Winter am Fuß des Gran Paradiso in Italien. Da sie gerne über ihre Foto- und Kameraarbeit sprechen, lernen wir, wie geduldig und bescheiden man sein muss, um die Natur zu filmen. Sie lassen uns an ihrer Leidenschaft teilnehmen. Von Tag zu Tag erleben wir zusammen die Verwandlung der Natur, der Tiere und der Menschen. Und wenn der Schnee endlich kommt, wenn Lawinen das kleine Dorf isolieren, sind wir nicht mehr Zuschauer: Wir befinden uns inmitten der Geschichte.

Naturraum Berg
Sulle tracce dei ghiacciai
Regie: Massimiliano Sbrolla und Paolo Aralla (Italien)

Unser Klima verändert sich, unsere Gletscher schmelzen. Das wissen wir alle. Mit diesem leidenschaftlichen Film wird der Beweis angetreten.
Flüssige Kamera, lebhafter Kommentar und dynamische Montagen bilden eine leidenschaftliche Dokumentation.
Hundert Jahre nach dem Herzog der Abruzzen folgen wir einer wissenschaftlichen Mannschaft an den Baltoro-Gletscher im Karakorum in Pakistan.
Mit dem Vergleich zwischen alten und neuen Fotos wird die Veränderung des Gletschers hervorgehoben. Eine klare Demonstration, der jeder folgen kann.

Erlebnisraum Berg - Preis des Deutschen Alpenvereins
Alone on the Wall
Regie: Peter Mortimer und Nick Rosen (USA)

Alone on the Wall hat uns in seiner Kompromisslosigkeit der Erzählweise überzeugt. Während die Zeitzeugen ob des radikalen Tuns des jungen, amerikanischen Kletterstars Alex Honnold noch um Erklärungen bemüht sind, geht Alex in dem Film an den beiden Touren in der Wüste von Utah und im kalifornischen Klettermekka Yosemite zum Vollzug über. Und wie er das tut: Es gibt in der Geschichte des Klettersports viele Vorläufer, auch europäische, wie Alex Huber an der Großen Zinne oder möglicherweise noch beeindruckender Hansjörg Auer im „Weg durch den Fisch“, aber in dem Film von Peter Mortimer bekommt das „Alleine-in-der-Wand-Sein“ einen adäquaten Ausdruck: Keine Effekt heischenden Bilder, dafür dieses eine nervenzerreissende  Aufrichten am „Thanks God Ledge“, einem handtuchbreiten Felsband in der mauerglatten Wand des  Half Dome. Alex steht vor dem Nichts …
Dabei sind wir da eigentlich schon in der Mitte der Lebensgeschichte von Alex Honnold angekommen. Regisseur, Freunde, Familie und der bescheidene junge Hauptakteur haben ein Band des Vertrauens zum Zuschauer gewoben. Nur dieses unser Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Alex, vermeidet nun, dass wir schweißgebadet den Kinosaal verlassen.

Lebensraum Berg
Summer Pasture
Regie: Lynn True, Nelson Walker und Tsering Perlo  (USA)

Die Sommerweide wurde prämiert in der Kategorie „Lebensraum Berg“, obwohl es ein Film über das Steppenleben in der Tibetischen Hochebene ist, also die Berge nicht unmittelbar eine Rolle spielen.
Aber der Film von den beiden amerikanischen Produzenten führt uns in epischen Bildern  mit tiefer Intensität in den Alltag einer tibetisch/chinesischen Kleinfamilie, die als Nomaden in einer der abgelegensten Gegenden von China ein zwar klassisches, aber auch gefährdetes Leben führen.
Eine intensive, aber nicht aufdringliche Kameraführung lässt uns an den Alltagsfreuden und –sorgen teilhaben.
Die außerordentliche Anteilnahme wäre ohne das Zu- und Mittun eines tibetischen Filmemachers unmöglich gewesen: Diese Kooperation ist auch ein Ausdruck der schnell fortschreitenden Entwicklung auf allen Feldern unserer globalen Gesellschaft. Der ansonsten so menschlich berührende Film wird hierin zum politischen Statement.

Kategorie Extra – Wasser am Berg
Die Traun – Ein Fluss wie ein Kristall
Regie: Klaus Feichtenberger und Erich Pröll (Österreich)

Klaus Feichtenberger und Erich Pröll dokumentieren bei diesem gut recherchierten Dokumentarfilm, wie sich das Element Wasser seinen Weg durch die Gletscher und Höhlen des Salzkammergutes sucht.
Die Reise führt uns vom Kammersee, welcher der Ursprung der Traun ist, durch die Jahreszeiten und nimmt uns auf eine tausendjährige Geschichte mit.
Ein aufwändiger Film mit eindrücklichen Bildern, der alle Facetten rund um einen Fluss widerspiegelt. Mit viel Gespür wird das Leben über und unter Wasser dokumentiert.


Otto-Guggenbichler-Nachwuchspreis
Vertical Sailing Greenland
Regie: Seán Villanueva O’Driscoll (Belgien)

Abenteuer und Humor passen gut zusammen. Lachen ist meist ein Zeichen dafür, dass ein Team gut zusammenarbeitet. Es mildert die Beschwerlichkeit langer Reisen und großer Anstrengungen. Zu häufig begegnen wir Expeditionsfilmen, die die dargestellten Erlebnisse viel zu ernst nehmen. Neuen Filmemachern unterläuft dieser Fehler selten, womöglich weil sie Filme über das Bergsteigen machen und nicht auf Berge steigen, um einen Film zu drehen. Diese Expedition gewann bereits den begehrten Piolet d’Or-Preis für die extreme sportliche Leistung während des Abenteuers. Der Siegerfilm in der Kategorie „Bester Nachwuchsfilmer“ erzählt die übermütige Geschichte von vier Kletterern, die das Abenteuer auf hoher See und an vertikalen Wänden suchen, immer unter Beobachtung durch den halb wachsamen, halb ungläubigen Kapitän Bob. Die Jury schätzte es, gemeinsam zum Lachen gebracht zu werden und war von der gekonnten Umsetzung und Produktion beeindruckt.


Preis für die beste Kameraleistung
Trou de Fer
Regie: Pavol Barabaš (Slowakei)

Pavol Barabaš aus der Slowakei nimmt uns mit auf eine spektakuläre Tour in die Ungewissheit. Durch die Kameraführung fühlen wir uns, als wären wir dabei auf dieser feuchtwarmen, glitschigen und unendlich langen Reise in den tiefsten Abgrund dieses Canyons auf der Insel La Réunion. Man spürt die Stimmung in dieser unwirklichen Welt, und Pavol Barabaš hat es geschafft, mit viel Ausdauer unter extremsten Bedingungen nicht nur tolle Bilder zu machen, sondern auch den roten Faden auf dieser langen Abseitstour nicht zu verlieren. Diese Leistung verdient den Preis für die beste Kameraführung.

Überzeugendste Landschaftsdarstellung
Wildes Deutschland – Die Berchtesgadener Alpen
Regie: Jan Haft (Deutschland)

Den Autoren gelingt es, das vordergründig bekannte Thema der heimischen Natur neu und spannend zu präsentieren. Der Film ist mehr als eine einfache Aneinanderreihung schöner Bilder. Mit einer lebendigen und humorvollen Bild- und Klangsprache sowie einer äußerst präzisen und geduldigen Kameraführung werden die Zuschauer in die aufregende Tier- und Pflanzenwelt der Berchtesgadener Alpen entführt. Der Zugang in diese Welt erfolgt respekt- und liebevoll: Gämsen, Murmeltiere, Aalrutte und Co. werden keineswegs schulmeisterlich als bloße Beschauungsobjekte vorgeführt, sondern agieren als Protagonisten. Und wir – das Publikum – fühlen uns als privilegierte Zeugen des Geschehens.

Besondere Erwähnung der Jury
A Sleepless Night
Regie: Samuel Tilman (Belgien)
Spielfilme gelingt es nur selten, die tatsächlichen Emotionen während eines Bergabenteuers einzufangen. Meist beschränken sie sich auf falschen Heldentum oder die körperlichen Verausgabungen, die sich jene vorstellen, die sie noch nie erlebt haben. Kommt es zu einer Tragödie, dann versuchen die Medien oft, menschliches Versagen oder Leichtsinn zu identifizieren. Ein Film in diesem Wettbewerb setzt einen neuen Standard, wenn es darum geht, wie wir über jene denken, die am Berg in Not geraten, wie wir auf ihr Schicksal reagieren.
Es handelt sich hierbei um ein großartig konstruiertes und imaginiertes Kurzdrama mit subtilem Tiefgang. 


Lobende Erwähnungen
Das zweite Leben des Tal Niv
Regie: Tom Dauer (Deutschland)

Der Film erzählt die Geschichte des israelischen Bergführers Tal Niv, der im Allgäu lebt und arbeitet. Die Berge der Welt sind für ihn zur Heimat geworden. Der Film überzeugt vor allem aufgrund der einnehmenden Persönlichkeit des Protagonisten, aber auch, weil er einen interessanten Aspekt des Alpinismus aufzeigt und gleichzeitig einen ungewöhnlichen Blick auf das oft klischeebehaftete Thema Israel. Seine Entscheidung verstehen wir durch den Blick seiner Freunde und Familie in Israel und Deutschland.

The Boy Mir – Ten Years in Afghanistan
Regie: Phil Grabsky (Großbritannien/Deutschland)

Der Autor Phil Grabsky und sein Filmteam haben in einer Langzeitstudie, die sich über zehn Jahre erstreckt hat, den kleinen Mir begleitet, der in dieser Zeit zu einem jungen Mann heranwächst. Der Film dokumentiert den schwierigen Lebensalltag Mirs in seinem vom Krieg gebeutelten Land, er erzählt von seinen Träumen und Zukunftsplänen und vor allem von der Ausweg- und Hoffnungslosigkeit, aus Armut, Entrechtung und Fremdbestimmung zu entfliehen. Die Tatsache, dass es dem Filmteam gelungen ist, ein solches Langzeitprojekt unter schwierigsten Umständen umzusetzen, hat die Jury besonders beeindruckt.